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Fühlen, denken und handeln
in der Verbundenheit allen Seins

 

 

 

Die neoliberale Politik der »Globalisierung« be­steht in einer bewussten Vernichtung der Er­de, die das letzte große Geschäft dieser »Zivi­li­sation« gewesen sein wird. Das ist es, was ich und viele andere bei der Beschäf­tigung mit der sog. »Glo­ba­lisierung« und in der Anti-Globalisierungsbewegung gelernt haben.
Was nach der laufenden Zerstörung kommt, wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass wir nichts Geringeres als eine ganz andere, neue Zivilisation brauchen, eine, die diesen Namen wirklich verdient. Und wir wissen, dass wir sie möglichst bald brauchen, nämlich bevor das Leben auf der Erde unmöglich geworden sein wird.
In unserer Gesellschaft gilt »Teile und Herrsche!«. Alles wird voneinander getrennt. Die Materie vom Geist, die Frauen von den Männern, das Untere vom Oberen, die Natur von der Gesellschaft, der Süden vom Norden. Das drückt sich aus in einem Materialismus einerseits, in dem die Materie als geistlos gilt, und einem Ide­a­lismus andererseits, einer materiefreien Geistigkeit, die angeblich existieren soll. So gesehen wird klar, dass diese Trennungen nicht »neutral« sind. Sondern das Eine gilt als dem Anderen jeweils unterlegen, unterworfen, als »niedrig« im Vergleich zum »Höheren«.
Hier setzen wir an. Denn diese Trennungen und Be­wertungen sind nicht von sich aus in der Welt. Sie werden immer mit Gewalt hergestellt und auch nur so aufrechterhalten. Aber letztlich sind sie fiktiv, eine Illusion. In der Realität gibt es sie so nicht.
Was heißt das für uns? Es heißt zunächst, dass wir un­sere Begriffe so lange »zu Ende denken«, erweitern und ergänzen müssen, bis sie mit allen Dimensionen des Seins wieder verbunden sind. Denn wenn eigentlich alles miteinander verbunden ist, dann muss eben das gesagt und benannt werden.

Es hilft nichts. Wir müssen uns dem Problem stellen. Denn als Menschen sind wir fühlende Wesen. Wenn wir nicht fühlen, können wir eigentlich nicht denken und im Grunde auch nicht handeln. Das zeigt, dass Denken, Fühlen und Handeln zusammen gehören. Bei uns wird das aber ständig getrennt (gesehen). Wir sollen etwas anderes denken als wir fühlen und noch anderes tun.
Im Indianischen gibt es dagegen den Begriff des »k’op«. Das bedeutet zusammengehören und sich entsprechen. Denken, Fühlen und Handeln sollen gewissermaßen aus einem Guss sein, sonst gelten sie als nicht glaubwürdig und vor allem wirkungslos.
Mein Weg führte über den Begriff der »Wildnis«. Ich habe nämlich danach gesucht, was man statt »Natur« sagen kann. Denn der Naturbegriff wird inzwischen geradezu für das Gegenteil von Natur ge- und missbraucht. Deswegen habe ich mich mit der ursprünglichen oder »ersten« Natur, also mit der Wildnis be­schäftigt.
Dabei habe ich mich gewundert, warum ich in dieser Zeit so aufgeregt war. Heute weiß ich warum. Denn ich bin damals darauf gekommen, dass wir einen neuen Begriff von »Spiritualität« brauchen.
Worin besteht die Lebendigkeit der Natur? – in ihrer Verbundenheit. Es ist eben mehr als bloß eine Nicht-Trennung im Sinne eines »Zusammenhangs«, sondern es ist ein Fühlen dabei, Leben ist Lieben. Daher nenne ich Wildnis, Natur, Leben die »Verbundenheit allen Seins«.


Wenn wir nun diese Einheit in ihrer Verbun­denheit se­hen, dann steckt sie uns mit ihrer Liebe an. Auf diese Weise kommen Liebe(n) und Erkenntnis endlich wieder zusammen – so wie es im Übrigen in anderen Zei­ten und Gegenden der Welt immer schon war.
Wir sind verbunden mit allem Sein, vom Grashalm bis zum Kosmos. Und gerade dann, wenn man das akzeptiert, bekommt man einen Boden unter den Füßen, merk­würdigerweise. Man hat auf einmal einen Maß­stab, an dem man erkennen kann, was man tut, was man tun soll und kann, und was man nicht tun soll und kann. Dadurch kommt ein umfassendes Denken zustande, das nichts weglässt, nicht die Tiere, nicht die Elemente, nicht den Globus. Es gibt keine Lücken mehr, so wie die Verbundenheit ja auch lückenlos ist. Die Natur hat keine Lücken. Wir kommen dadurch außerdem zu einem Handlungsauftrag. Wir haben näm­lich für die Unverletzlichkeit dieses Seins und ­seiner Verbundenheit einzutreten, und zwar auf allen Ebe­nen. Es kommt dadurch die Möglichkeit, Verant­wortung zu übernehmen, bzw. zu fühlen, überhaupt erst zustande. Im Verantwortungsgefühl wiederum kommt die Be-Geist-erung zurück, nämlich die, sich für das Lebendige einzusetzen. Die Empfindungen be­kommen wieder ihren Platz, die Sinnlichkeit ihren Sinn. Sie können wieder aufblühen, ohne missbraucht werden zu können, weil man von diesem Denken aus nicht mehr korrumpierbar ist und verführt oder verwirrt werden kann.
Wir können auf diese Weise unsere Sinne, unsere Empfin­dungs­fähigkeit wiedergewinnen, und sogar er­weitern. Um die Sinne buch­stäblich über uns hinauswachsen zu lassen, müssen wir die Antennen der Wahr­­nehmung und der Bewusstwerdung dieser Ver­bundenheit »ausfahren« und einüben, aber nicht im Sinne von übersinnlich, sondern von trans-sinnlich oder quersinnlich, so­dass wir auch die Sinne anderer wahrnehmen, also nicht nur die eigenen. Denn meine Kräfte sind nicht isolierte, ego-logische, auf mich konzentrierte, sondern stehen in Verbindung mit anderen, die mich ebenso stützen, wie ich sie.


Ich weiß inzwischen, dass es so ist. Wenn wir uns der Verbundenheit des Seins öffnen, dann sind alle Kräfte mit uns und hinter uns, von denen wir ausgehen, und deren Anwälte, Übersetzer und Sprachrohr wir werden. Wir ha­ben einen Auftrag in der Welt, nämlich zu verhindern, dass ihre Zerstö­rung weitergeht.
Da kommen wir in die Nähe des »ahimsa«-Begriffs von Mahatma Gandhi, der immer mit Gewaltlosigkeit übersetzt wird, aber der eigentlich auch Unschuld bedeutet. Ahimsa ist ein Handeln, das keine eigenen Zwecke und Interessen verfolgt, sondern allein am Lebens­zu­sammenhalt orientiert ist. Damit entsteht eine neue Mög­lichkeit der viel größeren Wirksamkeit und auch des wirksameren Widerstands, und sie hilft beim Auf­bau von Alternativen. Nur solch ein Fühlen und Den­ken aus der tatsächlichen Verbun­den­heit heraus er­möglicht es, ohne Kalküle und ohne Kom­pro­misse zu handeln. Die Kompromisse werden an anderer Stelle gemacht, aber nicht mit der Gesellschaft bzw. der Poli­tik. Es kommt eine Wahrhaftigkeit des Handelns zu­stande, und obwohl der Zusammenhang sehr groß ist, in dem gehandelt wird, ist es immer wieder möglich, ganz konkret zu werden in jedem einzelnen Fall. So kommen endlich auch Theorie und Praxis wieder zu­sammen.
Es gibt bei all dem allerdings ein Problem: Die andauernde Er­niedrigung des Lebens und die manchmal be­reits irreversible Zer­störung von ganzen Lebens­be­reichen hat Spuren hinterlassen. Tod breitet sich aus. Was bedeutet solch ein menschengemachter »ewi­ger Tod« für unsere spirituelle Praxis? Und was bedeutet die Negation des Lebens allgemein dafür?
Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass es keine Al­ternative zur Spiritualität auf der Basis der Verbun­denheit des Seins gibt, auch wenn Teile davon inzwischen aus der Verbundenheit herausfallen sollten oder/und ihr absolut negativ gegenüberstehen...
Ich halte die Entwicklung der hier beschriebenen spirituellen Hal­tung dennoch für die einzig mögliche Weise, eine angemessene Antwort auf das zu geben, was heute als »Globalisierung« daher kommt, und gleich­zeitig Alternativen dazu zu entwickeln, die nicht mehr in die Irre gehen.

Claudia von Werlhof (Quelle: brennstoff N° 7, Jänner 2007)

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